Schulleiter Dr. Müller zum Professor der Universität Bayreuth bestellt

Im folgenden ein Gespräch mit OStD Dr. Müller anlässlich seiner Bestellung zum außerplanmäßigen Professor der Universität Bayreuth.

Frage: Herr Dr. Müller, am 24. Februar 2017 wurden Sie zum außerplanmäßigen Professor der Universität Bayreuth bestellt. Herzlichen Glückwunsch! Welche konkreten Aufgaben sind mit dieser Bestellung verbunden?

Dr. Müller: Danke für die Glückwünsche! Mit der Bestellung ist die Fortführung der Aufgaben verbunden, die ich schon seit 2012 am Lehrstuhl Schulpädagogik als Privatdozent und Lehrbeauftragter für den Studiengang „Berufliche Bildung“ im Zuge der Umsetzung des Konzepts „Universitätsschule“ wahrnehme. Konkret geht es darum, die universitäre Phase der pädagogischen Ausbildung der Lehrkräfte so zu gestalten, dass eine enge Verzahnung mit der Schulpraxis erfolgt. Als Leiter einer Berufsschule mit angegliederter Technikerschule stehen mir dafür im Schulalltag vielfältige Umsetzungsmöglichkeiten zur Verfügung, insbesondere die anwendungsnahe Vermittlung von berufspädagogischen Theorien, bei denen nicht nur die wissenschaftliche Seite beleuchtet, sondern auch deren Bedeutung in der beruflichen Erstausbildung an einer Berufsschule oder in der Aufstiegsfortbildung an einer Technikerschule hervorgehoben wird. So kann z.B. an den Kompetenzzielen des Deutschen und Europäischen Qualifikationsrahmens die Gleichwertigkeit (nicht Gleichartigkeit!) beruflicher und allgemeiner/akademischer Bildung verdeutlicht werden, wie sie z.B. auf den Stufen DQR 4 (qualifizierte Fachkraft, Abitur) und DQR 6 (Techniker, Meister, Bachelor) mit Rechtsstatus in den letzten Jahren besiegelt wurde.

Frage: Als Schulleiter der Staatlichen Berufsschule I Bayreuth sind Sie tagtäglich in der Praxis der Berufsbildung aktiv. Welche besonderen Impulse können Sie den Studierenden aufgrund dieser Doppelrolle geben?

Dr. Müller: Den wichtigsten Impuls sehe ich darin, die Bedeutung der pädagogischen Dimension des Lehrberufs vor Augen zu führen und die Motivation der Studierenden für die Entwicklung pädagogisch-didaktischer Professionalität zu stärken. Studierende des beruflichen Lehramts definieren sich gerne über die zweifellos sehr wichtige Fachkompetenz. Die pädagogischen Aufgaben dürfen dabei jedoch nicht unterschätzt werden. Vor allem im Unterrichtsalltag einer Berufsschule haben es Lehrkräfte im Hinblick auf kognitive Lernvoraussetzungen, kulturelle Herkunft, Sozialverhalten, Leistungsbereitschaft und weiteren Wertorientierungen mit einer besonders großen Heterogenität in der Schülerschaft zu tun. In dieser Schulart gehört es fast schon zur Regel, dass in einer Klasse Mittelschüler neben Abiturienten sitzen und sich gemeinsam auf ihr Berufsziel vorbereiten.

Wie komplex in einem solchen Arbeitsfeld pädagogische Problemlagen und mögliche Lösungsansätze sind, kann im Konzept UniSchule in nahezu jeder „Vorlesung“ erfahren werden, weil der Startpunkt der Überlegungen fast immer in der Schulpraxis liegt. So wird z.B. nach einem Unterrichtsbesuch bei einer Lehrkraft aus dem Lehrerteam „UniSchule“ zu ausgewählten Entscheidungsfeldern der Unterrichtsplanung versucht, die getroffenen Entscheidungen an objektiven Theorien zu messen. Meist ergeben sich dabei - zunächst vor dem Hintergrund subjektiver Theorien – viele Ideen zur Verbesserung. Diese werden jedoch nicht einfach nur unverbindlich formuliert, sondern in einem anschließenden Unterrichtsversuch, der zu einer höheren Lernwirksamkeit führen soll, auch ganz konkret erprobt. Dieser Wiederholungsunterricht zum gleichen Thema findet in der Regel in einer anderen Klasse statt - nun jedoch mit einem (vermeintlich) besseren Unterrichtsplan. Inwieweit die erhofften Effekte tatsächlich eintreten, gilt es nach den erneuten Unterrichtserfahrungen wieder gemeinsam zu evaluieren und schlussfolgernd zu reflektieren (Studenten, Lehrkräfte der UniSchule und Dozent). Auf diese Weise ergeben sich für die Ausprägung des pädagogischen Wissens und Könnens einschließlich der zugehörigen Einstellungen und Werthaltungen (Wollen) viele weitere Impulse, um die Studierenden auf ihren späteren Einsatz als Lehrkraft vorzubereiten und vor dem viel beklagten Praxisschock zu bewahren. Studierende erleben solche Lehr-Lern-Arrangements als „… ideale Vorbereitung aufs Referendariat und das spätere Lehrerleben“, wie es ein Student kürzlich formulierte. Ein anderer Kommilitone sieht angesichts des konzeptionellen Aufbaus der Veranstaltungen sogar „die Möglichkeit einer Verkürzung der Ausbildungszeit“. Da viele der angehenden Lehrpersonen über eine meist dreijährige Berufsausbildung verfügen und beim Start in das Lehramt fünf Jahre Studium plus zwei Jahre Referendarzeit noch vor sich haben, drängt sich ein solcher Gedanke aus studentischer Sicht geradezu auf.

Frage: Profitiert auch Ihre schulische Arbeit von der Tätigkeit an der Universität?

Dr. Müller: Seit meiner Promotion im Jahr 1998 ist mein Interesse an wissenschaftlichem Arbeiten nicht abgeklungen. Den Kontakt zu universitären Einrichtungen im Bereich Schul-, Berufs-, Wirtschafts- und Arbeitspädagogik habe ich darum nie abreißen lassen, weil er meine schulische Arbeit immer bereichern konnte. Heute profitiere ich als Schulleiter z.B. im Bereich der pädagogischen Schulentwicklung davon, wenn es gelingt, Entwicklungsprozesse vor dem Hintergrund objektiver Theorien zu organisieren und zu gestalten. Davon abgeleitete Entwicklungsimpulse erfahren im Kollegium in der Regel eine höhere Akzeptanz als subjektive Sichtweisen oder bloße Meinungen, wovon es im Handlungsfeld der Schulentwicklung eine Vielzahl gibt. Ich bin davon überzeugt, dass durch Wissenschaftsorientierung nicht nur die Schulleitung, sondern auch die Aktiven der Schulentwicklung und - nicht zuletzt - das gesamte Kollegium profitiert. Dadurch können nämlich alle Beteiligten vor blindem Aktionismus bewahrt werden.

Logo der Staatlichen Berufsschule I Bayreuth

Frage: Welche besonderen Herausforderungen an die Lehrerbildung sehen Sie momentan?

Dr. Müller: Auch in der Lehrerbildung existiert eine Vielzahl an Meinungen und Konzepten. Diskussionen über das Für und Wider führen rasch von einem Extrem ins andere - nicht selten redet man auch aneinander vorbei. Konzeptbegriffe, wie sie von Vertretern der Bildungstheorie definiert wurden, werden in Diskussionen der Bildungspraxis oft anders aufgefasst, teils falsch interpretiert oder nicht genügend durchdrungen. In der Überwindung dieser Kluft zwischen Theorie und Praxis liegt meines Erachtens eine große, vielleicht sogar die größte Herausforderung universitärer Lehrerbildung. Wie oben grob umrissen, gibt das Universitätsschulkonzept darauf eine gute Antwort. Die Herausforderung besteht darin, dieses Konzept durch noch stärkere Koppelung der Uni-Veranstaltungen mit der Schulwirklichkeit zu stabilisieren und in enger Kooperation mit den Studierenden weiterzuentwickeln.

Im Hinblick auf die Weiterentwicklung besteht aus meiner Sicht in der Universitätsstadt Bayreuth die herausragende Chance darin, Universitätsschulen - analog zur Ausbildung von Medizinern an Universitätskliniken - so auszurichten, dass nicht nur praxisnah gelehrt (das schaffen gute Praktikumsschulen auch), sondern auch anwendungsbezogen geforscht wird. In der Erforschung zeitgemäßer Unterrichtskonzepte verfügen Universitätsschulen über ein großes Potential, weil Forschungsfragen aus der Praxis abgeleitet und für die Praxis fruchtbar gemacht werden können. Für die Förderung der Berufskompetenz sowohl der angehenden Lehrer/-innen als auch ihrer späteren Schüler/-innen, wäre eine solche Ausrichtung bestimmt dienlich. Denn der bekannte Anspruch, dass sich berufliche Handlungskompetenz der Schulabsolventen als berufliche Tüchtigkeit, Verantwortungsbereitschaft und Mündigkeit zeigt, darf sich nicht im „Hochnebel“ wissenschaftlicher Diskussionen verlieren, sondern muss in der Schulpraxis geerdet sein.

Frage: Herzlichen Dank für dieses Gespräch.
Dr. Müller: Ich danke Ihnen!

Das Gespräch führte Martin Kolb