Internationaler Austausch zur Qualitätsarbeit an Schulen

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"Lang ist der Weg durch Lehren,
kurz und wirksam durch Beispiele."
- Seneca

 
Das Logo der Nationalen Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung - kurz NABIBB.© NABIBB

Auszeichnung durch die NA beim BIBB

Das Projekt "QmbS lernt von Q2E" wurde von der Nationalen Agentur beim BIBB als Good Practice vorgestellt. Mehr Informationen erhalten Sie hier.

 

Im beruflichen Schulwesen der Schweiz sind seit vielen Jahren Qualitätsmanagementsysteme erfolgreich implementiert. Das bekannteste und das dem bayerischen QmbS-System (Qualitätsmanagement an Beruflichen Schulen) zu Grunde liegende System ist Q2E (Qualität durch Evaluation und Entwicklung).

Nach einer ersten 3-tägigen Fortbildung im Herbst 2010 wurde nun in den Sommerferien 2011 von der Regierung von Oberfranken eine weitere, durch leonardo da Vinci geförderte Fortbildungsreise zum Thema „QmbS lernt von Q2E – fränkische Schulentwickler treffen Q2E-Teams“ im Umfang von 7 Tagen in die Schweiz organisiert.

Neben ersten Informationen über das berufliche Schulwesen beim Mittelschul- und Berufsbildungsamt in Zürich besuchte die Reisegruppe, bestehend aus Schulentwicklern mit den unterschiedlichsten Aufgabenbereichen, Schulaufsichtsbeamten, Fachmitarbeitern der Regierung, Schulentwicklungsmoderatoren und –beratern sowie einem externen Evaluator aus der Wirtschaft auch die „Lernzentren für die Wirtschaft“ in Baden. Eine Einrichtung, die für die ihr angeschlossenen Unternehmen in den ersten beiden Ausbildungsjahren die praktische Berufsausbildung übernimmt. Beeindruckend waren dabei die Einblicke in den durchwegs streng handlungsorientierten Unterricht, bei dem nicht die Lehrkraft, sondern die Schüler den aktiveren Beitrag der Unterrichtsgestaltung geleistet haben.

Im Berufs- und Weiterbildungszentrum der KV Business School in Zürich, mit fast 10000 „Lernenden" die größte Berufsschule in der Schweiz, und bei der IFES, der Interkantonalen Fachstelle für Externe Schulevaluation, wurden die fränkischen Schulentwickler genauso herzlich aufgenommen und mit umfangreichen Informationen versorgt, wie auch bei Prof. Euler und Prof. Capaul an der Universität St. Gallen oder den Berufsschulzentren und Berufsschulen in Pfäffikon und Wetzikon. Alle Gastgeber erwiesen sich als überaus kompetent und waren zudem sehr auskunftsfreudig, so dass die vielen Fragen zur Qualitätsarbeit stets freundlich und umfassend beantwortet wurden.

Die Teilnehmer der Mobilität in Zürich.
Die Teilnehmer der Mobilität in Zürich.

Auch wenn die beruflichen Schulen in der Schweiz mit Q2E mit einem System arbeiten, das dem bayerischen QmbS sehr ähnlich ist, so existieren - vor allem in Bezug auf die Externe Evaluation und die Rahmenbedingungen - signifikante Unterschiede zu den Verhältnissen in Bayern.

Hier eine Auswahl:

  • Während die Externe Evaluation in Bayern systemimmanent unter Hinzuziehung eines externen valuators durchgeführt und von der Qualitätsagentur unterstützt wird, evaluiert die IFES die chweizer Schulen. Diese Organisation ist an der Universität Zürich - völlig getrennt vom chulwesen - angesiedelt und arbeitet kommerziell. Die Evaluation einer Schule ist daher relativ ostspielig.
  • Die Schulen müssen im Rahmen der von den Kantonsregierungen vorgegebenen Qualitätsvorschriften ein m Wesentlichen auf Evaluation und Entwicklung basierendes Qualitätsmanagementsystem einsetzen und ich regelmäßig extern evaluieren lassen.
  • Die Externe Evaluation ist eine Metaevaluation, die sich nur auf das Qualitätsmanagementsystem selbst bezieht und in der Regel nur eine begrenzte Primärevaluation unter einem bestimmten Fokus beinhaltet. Unterrichtsbesuche finden daher im Rahmen der Evaluation grundsätzlich nicht statt. Im Hintergrund steht die Hypothese, dass ein QM-System automatisch zu einer besseren Arbeit an Schulen führt.
  • Unterrichtsbesuche von Kollegen haben dagegen an allen besuchten Schulen für die Qualitätsarbeit eine hohe Bedeutung, sind sie doch ein wesentlicher Bestandteil des Individualfeedbacks, einem Baustein des QM-Systems. Aus den Rückmeldungen der kollegialen Unterrichtsbesuche – so die Erfahrungsberichte der Verantwortlichen/so die Meinung der Experten - ziehen die Lehrkräfte einen größeren Nutzen für ihre weitere Arbeit als aus dem Individualfeedback mittels Fragebogen bei den Schülerinnen und Schülern.
  • Die Schulen verfügen über deutlich größere finanzielle Mittel, da sie - gegen Gebühr - auch die berufliche Fort- und Weiterbildung abdecken. Bei der Mittelverwendung sind die Schulen - ebenso wie bei der Personalauswahl - weitgehend selbstständig. Der Gesamtspielraum für die Qualitätsarbeit ist dadurch wesentlich größer als bei den bayerischen Schulen.

Zusammenfassend lässt sich, in Anlehnung an die Vorgehensweise der KV Business School in Zürich, die Qualitätsarbeit an den Schweizer beruflichen Schulen mit Blick auf die vergangenen 10 bis 12 Jahre in folgende drei Phasen untergliedern:

1. Einführung und Sensibilisierung

  • Erste Qualitätsgruppen beginnen mit freiwilligen Hospitationen
  • Durchführung erster Q-Projekte (Leitbildgruppe entsteht, Aufgaben der Klassenlehrer werden dokumentiert, Verhaltensregeln in der Schule werden formuliert)
  • Formeller Entscheid der Schulleitung über die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems
  • Erste Interne Evaluation
  • Erste Organisationsformen, z. B. Errichtung einer Koordinations- und Steuergruppe

2. Aufbau

  • Flächendeckende Einführung eines QM-Systems
  • Erstellung von Handreichungen durch die Koordinations- und Steuergruppe für einzelne Q-Gruppen
  • Einführung von Verbindlichkeitskriterien
  • Definition des Kollegialen Feedbacks und Erweiterung um andere Qualitäts-Themen
  • Externe Evaluation (IFES)

3. Konsolidierung und Regelbetrieb

  • Weiterentwicklung des Qualitätskonzeptes (Einführung von Maßnahmen aufgrund der Empfehlungen der * Internen und Externen Evaluation)
  • Entwicklung von Qualitäts-Standards
  • Qualitäts-Weiterbildung für alle Lehrkräfte (Workshops)
  • Einführung neuer Lehrkräfte ins Qualitätsmanagementsystem

Neben einem Motivationsschub für die eigene Arbeit an den fränkischen beruflichen Schulen erhielten die Teilnehmer der Fortbildung vor allem auch zahlreiche, gut umsetzbare Impulse und kamen zu der Erkenntnis, dass Qualitätsarbeit keinesfalls kurz-, sondern strategisch langfristig gedacht werden muss, um nachhaltig und für die Beteiligten entlastend zu wirken. Die Schweizer Kolleginnen und Kollegen jedenfalls waren von der Notwendigkeit der systematischen Qualitätsarbeit in kleinen und stetigen Schritten durchwegs überzeugt.

Auch für das Jahr 2012 wird im Rahmen des Leonardo-Programms wieder ein internationaler Austausch mit der Schweiz angestrebt, um die Beziehungen noch stärker bilateral zu gestalten und um weitere, mögliche Stolpersteine bei der Einführung oder Weiterentwicklung eines eigenen QM-Systems erkennen und folglich vermeiden zu können.

Ein Ziel ist deshalb auch, die Kolleginnen und Kollegen aus der Schweiz einmal in Oberfranken begrüßen zu können,

  • um ihnen das bayerische Schulsystem,
  • die Qualitätsarbeit an den oberfränkischen beruflichen Schulen und
  • die kulinarischen und kulturellen Besonderheiten Oberfrankens

näher zu bringen.

Thomas Reitmeier, RSchD